Kochen mit dem Sohn – Anne

Wir sitzen bei Anne im Wohnzimmer, wo sie mir Kekse anreicht und einen Kaffee kocht. Währenddessen schaue ich mich etwas um und entdecke ein Klavier. Zu Weihnachten wird hier sicherlich immer das ein oder andere Lied gespielt. Meine Augen wandern weiter zu den Bildern ihrer Kinder. Als ich genauer schauen wollte, kam Anne auch schon mit dem Kaffee und ihren beiden Kochbüchern.

Die Kekse sind lecker. Hast du die selber gemacht?

Dafür stand ich gestern erst noch in der Küche. Ist ein altes Rezept meiner Mutter.

Wann nimmst du dir die Zeit dafür?

Früher haben wir sowas in der Familie gerne am Wochenende gemacht. Mittlerweile ist der Tag egal. Meine Söhne sind aus dem Haus. Mein Mann und ich sind Pensionäre, da haben wir inzwischen viel Zeit.

Erzähl mir gerne etwas mehr. Wie bist du aufgewachsen und was hast du beruflich damals gemacht?

Bevor ich in Pension gegangen bin war ich als Krankenhausseelsorgerin angestellt. Wir haben uns damals während unseres Theologie-Studiums kennengelernt. Aufgewachsen bin ich aber nicht hier in Deutschland, sondern in Namibia. Als ich mit etwa acht Jahren zurück nach Deutschland gekommen bin, haben wir zuerst ein Jahr bei meinen Großeltern gelebt…

Da muss ich kurz unterbrechen. Wie kam es dazu, dass du in Namibia aufgewachsen bist?

Mein Vater war – so nannte man es zu der Zeit – Missionar. Er hat sich aus Dankbarkeit dazu entschlossen, da er damals den Krieg überlebt hat. Sein Wunsch war es dorthin zu gehen und dieser wurde auch erfüllt. Meine Mutter ging nicht sofort mit. So kam es, dass mein Vater das erste Jahr dort alleine verbracht hatte. Als dann meine Mutter ihre Ausbildung zur Missionarsfrau beendet hatte, kam sie mit dem Schiff nachgereist – zu dem Zeitpunkt war sie gerade mal 21 Jahre alt. Danach heirateten sie in Namibia.

Einfach bewundernswert in diesen jungen Jahren mit nichts nach Afrika zu gehen.

Das finde ich auch sehr beeindruckend als junge Frau mit nichts dorthin zu gehen. Mit Apfelsinenkisten haben die beiden dort angefangen. Sie waren wirklich arm. Das Gehalt eines Pfarrers damals war echt wenig. Aber sie sagten immer, dass die Zeit in Afrika die tollste Zeit ihres Lebens war – dieser Zusammenhalt war unglaublich schön.

Wie kam es dann dazu, dass du zurückgegangen bist?

Als Pfarrer konnte man damals maximal für zwölf Jahre im Ausland tätig sein. Danach musste man zurück. Meine Mutter ist mit uns drei Kindern etwas früher geflogen, denn sie musste dringend operiert werden. Dies sollte besser in Deutschland geschehen. Dort mussten wir erneut bei Null anfangen und so haben wir für ein Jahr bei meinen Großeltern gelebt. Sie sind für uns etwas zusammengerückt und haben uns zwei Zimmer überlassen.

Nun liegt das schon eine lange Zeit hinter dir. Weißt du noch, ob es dir schwer gefallen war zurück nach Deutschland zu kommen?

Das war ein tiefer Einschnitt in meinem Leben. Das kann ich gar nicht anders sagen. Ich weiß nur nicht, ob es daran lag, dass mein Vater zuerst in Namibia geblieben ist oder ob es daran lag, dass Deutschland uns zuvor immer als Schlaraffenland vorgestellt wurde.

Versteh mich nicht falsch. Wir haben uns auf Deutschland gefreut. Hier gab es vier Jahreszeiten, Schnee, Wälder etc. Da war die Vorfreude groß. Das erste Jahr bei meinen Großeltern, als wir zurückkamen, war eins der schönsten Jahre in meinem Leben. Ich vergleiche das immer mit meinem Mann. Als ich nach Deutschland kam, hat mein Mann schon acht Jahre in dem Land gelebt. Das was er in dieser Zeit erlebt hat, habe ich in einem Jahr nachgeholt – Buden bauen, im Wald spielen oder Blödsinn im Schrebergarten machen. Das gab es in Afrika gar nicht.

Hast du etwas vermisst? 

Die Freiheit und afrikanische Landschaft. Für uns war es ja schon eine Strafe Socken anziehen zu müssen.

Anne mit dem Kochbuch von ihrer Mutter

Das war sicherlich nicht einfach für dich. Wie in deinem beruflichen Alltag.

Ich habe als Seelsorgerin viel erlebt. Viel Leid. Oft geht man nicht mal eben nach Hause und dann ist das Thema abgeschlossen. Wenn man Eltern sieht, die ihre Kinder beerdigen müssen, schluckst du nicht nur einmal.

Wie bist du damit umgegangen?

Der Beruf bringt es mit sich, sich um sich selbst zu kümmern. Fortbildungen und Supervision haben mich vorbereitet. Wenn es ganz schlimm war, hat mein Zuhause mich unterstützt. Mein Mann hat den gleichen Beruf und dadurch konnten wir uns gegenseitig immer wieder helfen.

Für die Kinder war es schon eine Belastung. Wenn Weihnachten kam, waren wir immer im Dauerstress. Wenn andere Feierabend hatten, waren wir oft unterwegs. Das einzig Gute war, wenn bei meinem Mann die Gottesdienste begannen, war ich zu Hause.

Zum Glück haben die Kinder früh angefangen beim Kochen zu helfen.

Du hattest gerade Weihnachten angesprochen. Wie sieht dieses Weihnachten bei euch aus?

Wir sprechen immer vorher ab was es gibt. Nicht mit allen, sondern eigentlich nur mit meinen Söhnen. Mein Mann isst ja alles und meistens kocht einer meiner Söhne mit mir. Mein anderer Sohn verbringt dieses Jahr Weihnachten mit seiner Familie. Nach den Feiertagen fahren wir zu ihnen.

Was wir dieses Jahr machen haben wir noch nicht besprochen. Als die Jungs noch klein waren gab es immer Herings- und Fleischsalat. Diese Tradition haben wir eine lange Zeit von meinen Eltern übernommen. Mit der Pubertät wollten die Kinder etwas „richtiges“ haben. Seitdem machen wir jedes Jahr etwas anderes – mal Reh, Kaninchen, Gans o.ä.

Das klingt lecker. Hat davon auch mal etwas nicht funktioniert?

Ich kann mich an ein Weihnachten erinnern, da sollte es Kaninchen geben. Das ist überhaupt nichts geworden. Genauso wie die Gans, bei der ich gedacht hatte, das reicht für alle drei Tage. Sie war schon innerhalb eines Tages vollständig aufgegessen. Aber ich habe ja vorsichtshalber immer etwas in der Truhe.

Hast du viel Tiefgekühltes?

Kaum. Ich koche viel frisch. Für Notfälle habe ich immer etwas eingefroren, doch das dauert bis das aufgetaut ist. Ich mag keine Fertiggerichte oder Dosen. Nur das tägliche Kochen mag ich nicht so sehr. Meistens koche ich etwas für zwei Tage.

Nun habe ich noch fünf schnelle Fragen für dich. Was würdest du kochen, wenn du fast nichts im Haus hast?

Nudeln oder Bratkartoffeln. Nudeln oder Kartoffeln habe ich eigentlich immer im Haus.

Würde es dich abhalten ein Rezept zu kochen, wovon du nicht alles im Haus hast?

Ich halte mich nie strikt an das Rezept, sondern verfeinere selber viel. Vor allem bei Gewürzen bin ich spendabel. Ich würde einfach etwas anderes nehmen.

Mit welcher Zutat kochst du am Häufigsten?

Kartoffeln spielen eine große Rolle in meinem Leben – in jeder Form. Am Liebsten in Form von Pellkartoffeln.

Gab es bei euch früher so etwas wie ein Nudeltag?

Das gab es nicht an bestimmten Tagen, aber das kommt einmal die Woche vor. Am ersten Tag Nudeln mit Sauce. Am Zweiten ein Nudelauflauf.

Du bekommst 15 Gäste und musst für die etwas kochen. Was machst du?

Wenn es um die Masse geht würde ich Pizza machen. Wir haben glücklicherweise im Sommer Geburtstag – da grillen wir immer. Ansonsten eine Suppe, Hauptgericht und Nachspeise. Meistens wird der Hauptgang so gestaltet, dass ich diesen in den Ofen schieben kann. Ich finde es blöd, wenn man in der Küche steht und sich nicht mit den Gästen unterhalten kann.

Ich danke dir vielmals Anne. Du hast unseren Familienmitgliedern dein Kochbuch und das deiner Mutter aus dem Krieg überlassen und ich persönlich freue mich darauf eines dieser Rezepte zu kochen. Deiner Familie eine schöne Weihnachtszeit und kommt gut ins neue Jahr.

Zu Annes Rezepten.

 

Schreibe einen Kommentar dazu